Seit langer zeit steht der IE800S auf meiner Wunschliste. Unzählige Male konnte ich ihn bereits auf diversen Events oder Messen hören. Sein Vorgänger, der IE800, hat längst einen festen Platz in meiner All-Time Best-Of Liste. Und endlich gab es eine gute Gelegenheit, den IE800S zu erwerben – und ich habe sie genutzt. Was die Weiterentwicklung des IE800 kann, worin er sich vom IE800 unterscheidet und ob der Mehrpreis gerechtfertigt ist – das lest ihr hier.


[Werbung] Auch wenn ich den Sennheiser IE800S ganz normal für mich selbst gekauft habe, könnte dieser Text für manchen einen werblichen Charakter haben. Deswegen sei hier sicherheitshalber dieser Hinweis erlaubt.


Der Sennheiser IE800S

Bei Sennheiser werden Produkte behutsam weiterentwickelt. Zu sehen an der so alten wie erfolgreichen 600er Serie. Mittlerweile beim HD660S angelangt, verpasste Sennheiser über die Jahre hinweg dem Kopfhörer immer nur kleine Änderungen und blieb dem grundlegenden Klangkonzept weitestgehend treu – genauso wie der Form und den Konstruktionsprinzipien. Gleiches kann man von HD800 und HD800S behaupten.
Und auch beim InEar Flaggschiff – dem IE800 – hat man die Chance genutzt, mit einer zweiten Version – sozusagen einem behutsamen Evolutionsschritt – einen noch besseren InEar zu kreieren. Und meiner Meinung nach hat man es geschafft.

Aber der Reihe nach…
Der IE800 begeisterte bereits im Jahre 2012 die audiophile Welt. Ich selbst habe ihn erst im Jahre 2015 zum ersten Mal hören können – das war auf der CanJam Europe, als diese noch in Essen stattfand. Damals war er mir 699€ schon sehr selbstbewusst ausgepreist. Heutzutage ist das eine Zahl, bei der zumindest im Bereich der High-End InEars niemand mehr erschrocken dreinschaut. Gekauft hatte ich ihn mir dann in 2016, meinen Test dazu lest ihr hier.
Technisch hört sich das Konzept des IE800 erst einmal sehr unspektakulär an: Im Innern werkelt nur ein einziger dynamischer Treiber. In anbetracht der ganzen Hybrid und Multi-BA Modelle aktuell schon eine Seltenheit. Es gibt nicht sehr viele dynamische single-driver Flaggschiffe.

Den Treiber nennt Sennheiser Extra-Wide-Band-Wandler (XWB). Er misst lediglich 7 mm im Durchmesser und ist somit laut eigenen Angaben der kleinste Breitband-Schallwandler, der derzeit in einem dynamischen InEar verbaut ist.
Hauptmerkmal dieser Membran ist ein verzerrungsfreier Klang selbst bei hohen Lautstärken.
Weiteres techn. Highlight sind die gedämpften Zwei-Kammer-Absorber (D2CA).
Wie andere Sennheiser Topmodelle ist auch der IE800 „Made in Germany“.

Sennheiser hat das Konzept aber weiter optimiert, um selbst mit komplexen Multi-Systemen mindestens konkurrenzfähig zu sein. So finden sich gleich mehrere Finessen im IE800S:

  • Verbesserte Akustik mit präzisen Bässen
  • Sennheiser Breitband­ Schallwandler von nur 7 mm Durchmesser
  • Patentierter gedämpfter Zwei­Kammer­Absorber (D2CA)
  • Ergonomisch geformte Ohradapter aus Silikon und von ComplyTM
  • Zwei Schutzgitter (eines im Silikon­Ohradapter und eines im Klangkanal) verhindern das Eindringen von Teilen und dienen der einfachen Reinigung
  • Mattschwarzes Keramikgehäuse
  • Edle Transporttasche aus Leder
  • Entwickelt und handgefertigt in Deutschland

[Quelle: Sennheiser]

Die Kabel sind weiterhin nicht – bzw. nur teilweise abnehmbar, was angesichts der miniaturisierten Gehäuse auch nicht verwundert. Da ist schlicht kein Platz für eine Buchse. Dafür hat sich Sennheiser etwas einfallen lassen. So ist das Kabel quasi zweigeteilt. Von den InEars bis etwas hinter den Splitter sind die Kabel fest verbaut. Der untere Teil ist jedoch mittels einer Steckverbindung austauschbar. Ein Konzept, welches zu Beginn stark kritisiert wurde, was sich aber mittlerweile durchaus bewährt hat.

Unterschiede Sennheiser IE800 zu IE800S

Links: Sennheiser IE800S, rechts Sennheiser IE800

Finish
Was sofort auffällt: Das Keramikgehäuse des IE800 ist schwarz glänzend, wohingegen das des IE800S ist nun schwarz matt – fast sogar ein dunkles titangrau. Gefällt mir etwas besser, sieht aktuell einfach moderner und technischer aus.

Lieferumfang
Sennheiser setzt mittlereweile konsequent auf den 4,4mm balanced Stecker. So liegen dem IE800 dann auch insgesamt drei Kabel bei: 3,5mm, 2,5mm und 4,4mm.

Frequenzgang

Der Frequenzgang wurde im Vergleich zum IE800 beim IE800S in beide Richtungen erweitert. Ob es sich auch um einen neuen Treiber handelt oder ob dieser nur anders angesteuert wird, ist mir nicht bekannt.


Lieferumfang und Verpackung

Den Lieferumfang hat Sennheiser deutlich erweitert. So finden sich neben dem 3,5mm Kabel dieses Mal auch gleich zwei symmetrische Kabelstücke im Karton: Eines mit 2,5mm Stecker und eines mit 4,4mm Pentaconn. Klasse, so kann der Kunde das für seinen Player passende auswählen. Darüberhinaus liegen dem IE800S nun auch spezielle Schaumstofftips von Comply™ bei. Selbstverständlich ist wieder ein sehr hochwertiges Case dabei.

Der Lieferumfang im Detail:

  • Sennheiser IE 800 S
  • Kabel:
    • 3.5 mm Standard
    • 2.5 mm symmetrisch
    • 4.4 mm symmetrisch Pentaconn
  • Ohr-Adapter (Paar)
    • 3x Silikon S, M, L
    • 3x Comply™ Memory-Schaum S, M, L
  • 1x Bedienungsanleitung
  • 1x Transporttasche aus Leder
  • 1x Mikrofasertuch

Technische Daten

Wie immer gilt – und ich werde nicht müde es zu erwähnen – Zahlen sind Schall und Rauch. Es lassen sich keine klanglichen Rückschlüsse daraus ziehen. Im Übrigen: Viel hat sich nicht getan, lediglich der Frequenzbereich wurde erweitert – sowohl nach oben als auch nach unten.

Impedanz16 Ω
Audio-Übertragungsbereich (Hörer)5 bis 46,500 Hz
Audio-Übertragungsbereichdiffusfeldentzerrt
Max. Schalldruckpegel125 dB bei 1 Vrms
Klirrfaktor bei 1kHz< 0.06% (1 kHz, 94 dB)
Ankopplung an das OhrIn-Ear
Gewichtca. 8 g (ohne Kabel)
Dämpfung-26 dB
OhrpolstergrößeS, M, L (Silicone and Comply™)
Wandlerprinzip (Hörer)dynamisch, geschlossen
[Quelle: Sennheiser.de]

Design und Verarbeitung

Im Grund ist das Design perfekt. Die InEars sind optisch ein Leckerbissen, das Material ist robust und hat sich bereits beim IE800 bewährt. Die Ventilationsports sehen aus wie Turbinenauslässe, und das neue, matte Finish ist optisch wie haptisch sehr gelungen und gefällt mir besser als die glänzende Oberfläche des Vorgängers. Zusätzlich ist es nun auch unempfindlich gegenüber Fingerabdrücken. Die Schallröhrchen sind extrem kurz, bestehen quasi nur aus der Tipaufnahme, welche wir bereits vom IE800 kennen.

Die Kabel sind von guter Qualität, gerade und mit Kunststoff ummantelt. Leider sind nach zwei Wochen Nutzung des 4.4mm Kabels die Knickstellen vom Transport immer noch sichtbar. Außerdem gäbe es noch grundsätzlich Potential, das Kabel zu verbessern. Ein geflochtenes, weich fallendes und knickfreies Kabel wäre für einen High-End InEar angemessener. Da darf sich Sennheiser gerne mal ein Beispiel an FiiO oder iBasso nehmen.

Die Verarbeitungsqualität und Materialwahl des Cases ist perfekt. Sauber vernähtes Leder und innen ein hochwertiger, fester Schaumstoff mit Formausschnitt für die InEars. Das Prinzip des Case ist Geschmacksache. Immer die InEars in die Form zu drücken und das Kabel um das Case zu wickeln ist aufwändig. Dafür ist das Kabel natürlich verhedderfrei verstaut.

Wie andere Sennheiser Topmodelle ist auch der IE800S „Made in Germany“.


Tragekomfort

Die IE800S sind klein winzig und unkompliziert in der Handhabung. Einziger Kritikpunkt sind die mMn etwas zu kurz geratenen Zuleitungen zu den InEars. Zum Tragen mit Kabel über dem Ohr finde ich diese zu kurz, da fehlen gut 10cm für einen bequemen Sitz. Wer diese Trageart also bevorzugt, sollte die InEars vorher unbedingt anprobieren. Mir macht es nichts aus, da ich die Trageart mit Kabel nach unten bevorzuge.
Der Sitz im Ohr ist natürlich individuell unterschiedlich. Bei mir sitzen sie perfekt mit den mittleren Silikontips. Bereits nach kurzer Zeit sind sie nicht mehr zu spüren im Ohr. Aufgrund des geringen Gewichts passen sie auch im Liegen super und verrutschen nicht.



Klang

Kommen wir zum wichtigsten Aspekt: Dem Klang.
Sennheiser setzt auf einen dynamischen Treiber, was erst einmal aufgrund der ganzen Multi-Treiber Systeme da draußen befremdlich erscheint. Denn deren Daseinsberechtigung begründet sich ja gerade auf der Tatsache, daß nicht jede Treibertechnik für jeden Frequenzbereich gleichermaßen gut geeignet ist. Sennheiser nutzt an dieser Stelle aber weiterhin nur einen dynamischen Treiber und hat diesen perfekt abgestimmt, um die Nachteile im Vergleich zu Balanced Armature Treibern zu eliminieren.

Wer den IE800S zum ersten Mal hört, mag es nicht glauben. Dieser InEar klingt atemberaubend – und zwar nicht nur für seine Größe.

Er spannt ein extrem detailreiches und klar gestaffeltes Klangspektrum auf. Alles klingt extrem sauber und natürlich.
Aufgrund der geringen Impedanz von 16 Ohm gehen die IE800S zwar auch am Smartphone laut genug, allerdings profitieren die Kopfhörer sehr von guten und leistungstarken Quellgeräten. Sie danken es dem Hörer mit einer sauber skalierenden Klangqualität.

Für die folgenden Höreindrücke habe ich die IE800S sowohl am Questyle CMA400i (zum CMA400i Test) als auch am FiiO M15 (zum FiiO M15 Testbericht) gehört. Im Text werde ich immer wieder Vergleiche zum IE800 ziehen.

Grundsätzlich überzeugt der Sennheiser IE800S durch seine überaus ausgeglichene Balance. Im Vergleich zum Vorgänger, der vielen in den Höhen etwas zu ambitioniert war, klingt der IE800S von unten bis oben absolut kohärent – aber ohne je langweilig zu werden. Und das liegt nicht zuletzt am sauber und schnell tönenden Bass, der auch mit dem nötigen Tiefgang trotz seiner kleinen Größe punkten kann.

Der Sound im Detail:

Bass
Im Bassbereich ähneln sich IE800/IE800S sehr stark, klingen für meine Ohren fast identisch. Die kleinen Biester haben trotz der geringen Treibergröße von 7mm einen großen Bass: Abgrundtief, schnell, druckvoll, straff und extrem kontrolliert. Attribute, die man gerne einem BA-Treiber attestiert denn einem Dynamiker. Mit diesen Attributen qualifiziert sich der InEar vorzüglich für Metal und Rock. Der IE800S klingt bei Persussioninstrumenten einen Tick lebendiger und noch authentischer. Feine Vibrationen der Bass-Saiten oder von Resonanzfellen an Trommeln scheinen „spürbar“, so plastisch werden sie dargeboten. Also auch für Jazz perfekt geeignet.

Mitten
Auch hier spielen sich die Unterschiede nur innerhalb geringer Nuancen ab. Die Mitten unverfälscht, plastisch und richtig kernig. Keine Spur von Dosigkeit oder Langeweile. Sägende Metal-Gitarren überzeugen mit Durchsetzungskraft, Gesang – weiblich wie männlich – klingt so echt als würde der Sänger vor einem stehen. Jede Nuance ist hörbar, die Detailauflösung ist auf Referenzniveau.
Die noch im IE800 vorhandene, gewisse Wärme in der Klangcharakteristik ist verschwunden, geblieben ist aber die angenehme Durchhörbarkeit und die tolle Transparenz.

Höhen
Hier hat sich im Klangbild die größte Änderung ergeben. Vielen war der IE800 etwas zu harsch und teilweise unangenehm in den Höhen.
Die grundlegenden Tugenden sind jedoch erhalten geblieben. Die Höhen sind so dermaßen klar und brillant, daß es sich anfühlt, als würde ein Schleier von der Musik genommen (jaja, Klischee-Alarm. Ist halt so). Unglaublich, wie filigran feinste Cymbalsounds aufgelöst werden und wie lupenrein metallische Percussion wie Triangel oder Chimes klingen. Dadurch, daß der IE800S jetzt aber in den hohen Tönen etwas gezähmter daherkommt, ergibt sich ein wirklich ausgeglichenes und absolut homogenes Klangbild über das gesamte Spektrum.

Bühne
Die Bühnendarstellung meistert der IE800S fantastisch – so wie bereits auch der IE800. Zu keinem Moment klingt die Musik isoliert „im Kopf“, sondern löst sich – genauso wie bei guten Lautsprechern – von der Quelle und verteilt sich virtuell um den Hörer. Das hat man nicht oft bei In Ears. Alle Instrumente werden stets extrem präzise ortbar auf der virtuellen Bühne platziert.
Bemerkenswert ist hierbei, wie offen der IE800S klingt.
Das geringe Gewicht und die äußerst gute Passform verstärken den Effekt noch zusätzlich – man spürt halt nichts im Ohr und hat eher das Gefühl, gar keine In Ears im Ohr zu haben, sondern ausgewachsene, offene Over Ear Kopfhörer zu tragen.

Separation & Auflösung
Gitarrenakkorde und verzerrte Riffsalven werden diffizil und klar strukturiert dargeeboten. Die Trennung von vielen verschiedenen Instrumenten und Tonspuren gelingt vorbildlich. Im Vergleich zu preisgünstigen Single-Dynamikern liegen gerade hier Welten dazwischen. Alles ist sauber nachvollziehbar und jederzeit einzeln zu analysieren. Das Gute: Dadurch wird der IE800S noch lange nicht zu einem sterilen Analytiker. Denn er drängt dem Hörer seine hohe Auflösung nicht auf. Wer sich einfach nur in der Musik verlieren möchte, der kann das mindestens ebensogut und profitiert dann von der Ausgeglichenheit der Abstimmumg..


Fotos


Fazit

Der Sennheiser IE800S ist ein fantastischer InEar – der durchaus seinen Preis hat. Kostete der IE800 noch 699€, so verlangt Sennheiser für den IE800S einen ordentlichen Aufpreis.

Wer allerdings bereit ist, knapp 1.000€ in ein miniaturisiertes Stück High-End Technik zu investieren, der wird mit atemberaubenden Klang auf Referenzniveau entschädigt. Aufgrund der ausgeglichenen Signatur kann der IE800S jedem Genre genau da geben, was es braucht und geht somit als absoluter Generalist durch.

Und das Beste:
Musikalisch ist der Sennheiser kaum zu schlagen. Selbst noch deutlich teurere InEars mit Multi-BA Systemen schaffen hier keinen signifikanten Mehrwert. Zusammen mit den kleinen Gehäusen und dem superben Komfort kann der IE800S also nichts anderes als eine fette Empfehlung von mir bekommen!


Sennheiser IE800S | Bewertung

9.6

Klang

10.0/10

Verarbeitung

10.0/10

Tragekomfort

9.5/10

Preis/Leistung

9.0/10

Pros

  • Fantastisch ausgeglichener Klang
  • Tolle Detailauflösung
  • Authentischer, druckvoller Bass
  • Klare Höhen
  • Tolle Verarbeitung
  • Komfortabel
  • Drei Kabel im Lieferumfang

Cons

  • Kabel ist etwas zu kurz
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