Neue In-Ears gibt es wie Sand am Meer, und fast täglich kommen neue hinzu. Doch der Kiwi Ears Halcyon sticht heraus – optisch, aber noch mehr wenn man auf die Konfiguration schaut. Ein Hybrid IEM mit dynamischem Treiber, BA-Treibern und – als erster seiner Art – einem neuartigen MEMS Treiber. Spannende Kombination also. Und als Linsoul angefragt hat ob ich Lust hätte den Halcyon schon vor Veröffentlichung zu testen, konnte ich natürlich nicht widerstehen. Soviel sei bereits jetzt verraten: Der Halcyon ist ein richtig guter IEM! Neugierig? Weiterlesen!

Inhalt
[Werbung] Der Kiwi Ears Halcyon wurde mir für diesen Test von Linsoul Audio zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!
Kiwi Ears
Kiwi Ears ist eine noch vergleichsweise junge Marke aus China, die in kurzer Zeit mit einigen spannenden Modellen auf sich aufmerksam gemacht hat. Statt auf grelle Designs oder Marketing-Hype zu setzen, konzentriert sich das Team auf solide akustische Entwicklung – mit einem klaren Fokus auf linearen, studioorientierten Klang. Gerade im Budget Bereich haben Modelle wie Quartett und Cadenza für Aufsehen gesorgt. Der Orchestra II ist ihr aktuelles Flaggschiff im reinen Balanced-Armature-Bereich und der Halcyon das neueste Modell.
Kiwi Ears Halcyon
Beim Halcyon liegt der Fokus zwar klar auf technischer Innovation – insbesondere durch den Einsatz des MEMS-Treibers im Hochtonbereich. Aber bereits das gelungene Design und die silbermatte Optik macht neugierig. Ansonsten?
- Innovative MEMS-Treibertechnologie
- Dynamischer Treiber mit 10-mm-Verbundmembran
- Drei maßgefertigte Balanced-Armature-Treiber
- Fortschrittliche Schallkammer
- Weltweit erste Tribrid-MEMS-Implementierung
- Klassenbeste Klangcharakteristik
Kombiniert wird der MEMS Treiber mit einem klassischen dynamischen Treiber für den Bass sowie 3 Balanced Armature Treibern für die Mitten, die für ihre Präzision und Effizienz bekannt sind. So soll laut Kiwi Ears ein möglichst breitbandiger, hochauflösender Klang mit klar definierten Stärken in der Detaildarstellung entstehen. Der Halcyon positioniert sich damit nicht vorrangig als „Easy Listening“-IEM, sondern schon auch als analytisches Werkzeug für Hörer, die gerne genau hinhören. Damit hat man einen Sweetspot gefunden, der mir außerordentlich gut gefällt. Seit er hier ist bekommt er ziemlich viel Playtime, denn die Signatur ist wirklich besonders und hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen. Mehr dazu später.

Was ist ein MEMS Treiber?
In unserem Hobby ist wohl schon jeder mit dynamischen und auch Balanced Armature Treibern in Berührung gekommen. Die relativ neuen MEMS Treiber jedoch sind noch im Exotenstatus. Ich selbst habe bisher keinen gehört.
MEMS (mikroelektromechanische Systeme) ist ein Festkörperlautsprecher, der Siliziumchips und passive Bauteile nutzt, um einen piezoelektrischen Effekt zu erzeugen. Er braucht extrem wenig Platz. Im Gegensatz zu herkömmlichen akustischen Komponenten wie Spulen und Membranen zeichnet sich MEMS durch seine Schnelligkeit und hohe Auflösung aus, insbesondere im ultrahohen Frequenzbereich. Aufgrund der geringen in Bewegung versetzten Masse ist er im Bassbereich eher schwach.
In Kombination mit herkömmlichen Balanced-Armature- und dynamischen Treibern jedoch ist der Halcyon eine der weltweit ersten Tribrid-Konfigurationen und nutzt dabei die Vorteile der extrem hohen Auflösung von MEMS in Kombination mit den Stärken der anderen Treiber – organischer, druckvoller Bass aus dem dynamischen Treiber und reichhaltige, präzise und klar strukturierte Mitten der BA-Treiber.
Bester Stoff also für einen hybriden IEM, und gut gemacht kann man hier das Beste aus allen Technologien zu einem beeindruckenden Gesamtpaket verbinden. Und ja, der Halcyon ist sehr gut gemacht….
Schallkammer
Der präzise gefertigte Resonanzraum nutzt bekannte Resonanzprinzipien, um den Luftstrom zu steuern und stehende Wellen zu minimieren. Dadurch entsteht eine erweiterte Klangbühne mit verbesserter Instrumententrennung und klarer Basswiedergabe, frei von unerwünschten Resonanzen oder Verfärbungen.
Zu haben ist der Halcyon zum Start exklusiv über Kickstarter. Der Preis liegt bei 199USD, später ist die UVP soweit ich weiß bei 249USD.
Lieferumfang und Verpackung
Beim Unboxing wird schnell klar, daß der Halcyon eigentlich in der unteren Preisklasse angesiedelt ist. Die Verpackung selbst ist klein und funktional – mehr aber auch nicht. Das ist keineswegs negativ gemeint. Man bekommt eine kompakte Box, in der alles ordentlich untergebracht ist. Die In-Ears selbst sind sicher in Schaumstoff eingebettet, das Zubehör im Fach darunter einsortiert.

Der Lieferumfang im Detail:
- Kiwi Ears Halcyon IEMs
- Transportcase
- 2x Set Ohrstöpsel (verschiedene Größen)
- abnehmbares Kabel mit Wechselsteckersystem und 3,5-mm und 4,4-mm-Stecker
- Papierkram
Technische Daten
Wie immer der Vollständigkeit halber hier die technischen Daten, frisch von der Kiwi Ears Webseite.
- Treiberkonfiguration: 1DD + 1 MEMS + 3 BA (2 DEK Custom Balanced Armature Treiber + 1 WBFK Custom Balanced Armature Treiber)
- Nennimpedanz: 29 Ohm
- Nennleistung: 5 mW
- Maximale Belastbarkeit: 10 mW
- Empfindlichkeit: 109 dB (bei 1 kHz/mW)
- Frequenzbereich: 10–42 kHz
- Verzerrung: <1 % (bei 1 kHz)
- Kanalabweichung (L/R): <1,5 dB
- Anschluss: 0,78 mm 2-Pin (abnehmbar)
Verarbeitung und Design
IEM
Optisch geht der Halcyon einerseits einen eher nüchternen Weg. Andererseits besticht er durch ein klares und durchdachtes Design – vor allem in Hinblick auf seine Preisklasse. Das solide, matte Metallgehäuse – vermutlich Aluminium? – wirkt deutlich teurer. Die Faceplates haben ein dezentes Mäandermuster und heben sich vom üblichen einerlei wohlwollend ab. Ein übergroßes Brand-Logo sucht man auch vergebens – top!

Auch in Sachen Verarbeitung gibt sich der Halcyon keine Blöße. Die Gehäuse wirken sauber gefertigt, die Übergänge sind ordentlich umgesetzt, und auch bei genauerem Hinsehen fallen keine Unsauberkeiten auf. Die 2-Pin-Anschlüsse sitzen fest, ohne zu stramm zu wirken. Das Kabel lässt sich problemlos wechseln, was gerade für Nutzer interessant ist, die gerne mit unterschiedlichen Kabeln experimentieren. Auch die Nozzles sind sauber verarbeitet und bieten mit einer Lippe ausreichend Halt für die Tips. Nichts wirkt billig oder unpassend – der Halcyon macht einen soliden und langlebigen Eindruck.
Kabel
Das mitgelieferte Kabel ist hochwertig ausgeführt. Der vieradrige Aufbau wirkt stabil, bleibt dabei aber ausreichend flexibel. In der Praxis zeigt das Kabel nur geringe Mikrofonie. Das modulare Stecksystem ist sauber umgesetzt, die Wechselstecker rasten zwar nicht ein, sitzen aber dennoch fest.

Case
Das Transport-Case ist die schlichte, aber effektive Lösung für die Aufbewahrung Ihrer IEMs inklusive Kabel. Es bietet ausreichend Platz und schützt den Inhalt zuverlässig vor alltäglichem Druck und Beschädigungen.
Tragekomfort
Im Gegensatz zu den Kiwi Ears IEM mit Resingehäuse, die eigentlich durchgehend anatomisch ausgeformt sind, ist der Halcyon recht winklig aufgebaut. So haben wir einmal das Gehäuse, was sich in Richtung Concha wie eine Treppenstufe verkleinert und dann in den Nozzel übergeht. Der Sitz ist damit aber nicht weniger gut, im Gegenteil: Bei mir ist der Komfort super und ich habe auch nach längeren Sessions keine Druckstellen. Winkel und Länge der Nozzles ist gut gewählt und sorgt für eine optimale Passform in meinen Ohren.

Die mitgelieferten Tips aus Silikon gibt es in zwei Sätzen zu je S, M und L-Größen. Einmal mit kleiner und einmal mit großer Schallaustrittsöffnung. Die Tips sorgen für guten Sitz und Seal, jedoch bevorzuge ich auch hier wie so oft meine aktuell meistgenutzten Tips, die SpinFit W1.
Klangqualität
Gehört habe ich den Kiwi Halcyon hauptsächlich an meinen mobilen Geräten: Cayin N6III (Test), Sony WM-1Am2 und ifi Audio GOblu sowie am Cayin RU9. Stationär durfte er unter anderem am JDS Labs Element IV (Test) laufen.
Schon nach den ersten Takten war mir klar, dass dieser IEM irgendwi speziell ist — im absolut positiven Sinn. Er vereint Ausgeglichenheit mit Spaßfaktor und bleibt dabei stets kontrolliert und homogen. Tonal ist er noch ausgeglichen, geht aber in eine leichte V-Signatur. Auch technisch überzeugt er mit Auflösung, Separation und Impuls auf einem für diese Preisklasse beeindruckend hohem Niveau.
Wie beschreibt Kiwi selbst den Sound?
„Der Halcyon vereint technische Leistungsfähigkeit mit einer außergewöhnlichen Klangbalance. Ganz im Sinne der bekannten Klangcharakteristik von Kiwi Ear bietet der Halcyon eine neutrale Abstimmung im Stil eines Studiomonitors mit einer verstärkten Subbass-Anhebung. Der Subbass-Shelf verfügt über eine ausgewogene Bassanhebung von 8 dB, die bei 200 Hz sauber abfällt, um einen unverfälschten Mitteltonbereich zu gewährleisten.
Die Mitten klingen natürlich und klar und spiegeln die Präzision von Studiomonitoren wider. Dies hebt Instrumente und Gesang hervor und sorgt für eine außergewöhnliche Abbildungs- und Schichtungspräzision. Die Höhen erreichen ihren Höhepunkt genau bei 3 kHz, was eine perfekte Kompensation des Ohrmuschel-Verstärkungseffekts ermöglicht, und weisen einen Höhenabfall auf, der auf moderne Klangpräferenzen abgestimmt ist.“
Und das trifft es schon ziemlich perfekt. Wobei ich insbesonders die außergewähnliche Balance, die studiomäßige Abstimmung und die Subbass-Anhebung genau so unterschreiben würde. Dabei kommt aber auch der Midbass nicht zu kurz. Insgesamt empfinde ich den Halcyon als tonal extrem gut abgestimmt mit klarem Fokus auf Präzision und Reinheit. Sowohl im Bass als auch in den anderen Bereichen ist er richtig gut kontrolliert und präzise.

Die Bereiche im Einzelnen
Bass
Der Bass ist tief, präsent und fast physisch spürbar. Der Fokus liegt zwar klar auf dem Subbass, aber auch der Midbass kommt nicht zu kurz. Der Bassdruck ist organisch und präzise, mit richtig guter Kontur und Punch. Besonders hervorzuheben ist die absolute Homogenität über den gesamten tiefen Frequenzbereich bis hin zu den unteren Mitten. Insgesamt ist der Bass dank des dynamischen Treibers wunderbar organisch und echt, sowohl bei bassbetonter Musik als auch bei schnellen Metalstücken. Er wirkt nie überfordert, sondern stets verbindlich und präzise.
Mitten
Die Mitten des Kiwi Ears Halcyon sind leicht zurückgenommen, wirken dabei aber sauber und gut aufgelöst. Instrumente werden klar dargestellt, ohne sich gegenseitig zu überlagern. Gerade bei komplexeren Arrangements oder dichten Produktionen zahlt sich das aus. Stimmen und Instrumente klingen natürlich und detailreich. Holzinstrumente entfalten ihren warmen Klang, elektrische Gitarren drücken druckvoll, mächtig und energiegeladen.
Höhen
Der Hochton wird vom MEMS übernommen und ist der Teil, auf den ich am meisten gespannt war. Und diese Treiber werden ihren Vorschusslorbeeren absolut gerecht. Der Hochton ist extrem klar und sauber, erinnert mich an eiskaltes, klares Gebirgswasser. Dazu natürlich und ohne Schärfe oder Sibilanzen. Der MEMS-Treiber sorgt für eine sehr schnelle, präzise Wiedergabe mit hoher Detaildichte. Feinste Nuancen werden hörbar, gerade auch bei den Konturen von Instrumenten wie Streichern oder akustischen Trommeln (Sustain, Obertöne). Becken klingen nie scharf oder künstlich. Eine wirklich beeindruckende Höhenwiedergabe.

Bühne
Die Bühne ist normal groß, ohne künstlich aufgeblasen zu wirken. Breite und Tiefe sind gut räumlich ausgeprägt. Instrumente werden nicht nur links und rechts verteilt, sondern auch nachvollziehbar im Raum positioniert. Das sorgt für ein angenehmes Raumgefühl, das den analytischen Charakter des Halcyon sinnvoll ergänzt.
Separation & Auflösung
Hier spielt der Halcyon die technischen Stärken der BA und MEMS Treiber voll aus. Instrumente werden sauber voneinander getrennt, selbst in dicht arrangierten Tracks bleibt die Übersicht erhalten. Es entsteht ein klar strukturiertes Klangbild, in dem sich einzelne Elemente gut verfolgen lassen. Das ist besonders bei komplexen Genres wie Progressive Rock oder orchestraler Musik ideal.
Isolation
Die passive Isolation dieser Kopfhörer ist außergewöhnlich gut. Die dichten Gehäuse und die gute Passform (mit den persönlich optimalen Tips) reduzieren Außengeräusche auf ein Minimum. Perfekt für unterwegs oder in lauten Umgebungen, auch ohne aktive Geräuschunterdrückung.
Fotos
Fazit
Das war witzig: Eigentlich hatte ich den Halcyon gar nicht auf dem Schirm – obwohl die Linsoul Kampagnen mich natürlich erreichten. Erst als man mich aktiv gefragt hat, ob ich den IEM testen würde, habe ich begonnen mich dafür zu interessieren. Gut so – denn sonst wäre mir Einiges entgangen! Die Integration der MEMS Treiber drückt der Signatur einen deutlichen Stempel auf. So klar und sauber haben Höhen selten geklungen – und das, ohne Abstriche in anderen Bereichen hinnehmen zu müssen. Im Gegenteil: Der dynamische Treiber ist perfekt eingebunden und überzeugt mit Punch und Geschwindigkeit. Und auch die Mitten sind sauber integriert und fügen sich beeindruckend in die Gesamttonalität ein. Hätte man mich den Preis raten lassen – ich hätte amtlich daneben gegriffen. Das zeigt, was heute auch für kleines Budget zu haben ist.
Der Kiwi Ears Halcyon ist ein rundum gelungener IEM, der mir am extrem viel Freude beim Testen bereitet hat. Hier stimmt einfach alles: Tonalität (ja, Geschmacksache), technische Leistung, Material- und Verarbeitungsqualität und schließlich der Preis. Und er zeigt mal wieder, daß man für guten Klang kein Vermögen investieren muss.



