Es gibt In-Ears, die wollen beim ersten Date beeindrucken – mit dicken Bässen, glasklaren Höhen und jeder Menge „Wow“ und Pling-Pling beim ersten Hören. Und dann gibt’s die anderen – die schüchternen, leisen Vertreter. Die, die einfach Musik machen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Genau da reiht sich auch der Kiwi Ears Orchestra II ein. 10 Balanced-Armature-Treiber, Acrylgehäuse und eine neutrale Abstimmung. Ich bin gespannt, wie sich der Orchestra II im Test schlägt.


[Werbung] Der Kiwi Ears Orchestra II wurde mir für diesen Test von Linsoul Audio zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!


Kiwi Ears

Kiwi Ears ist eine noch vergleichsweise junge Marke aus China, die in kurzer Zeit mit einigen spannenden Modellen auf sich aufmerksam gemacht hat. Statt auf grelle Designs oder Marketing-Hype zu setzen, konzentriert sich das Team auf solide akustische Entwicklung – mit einem klaren Fokus auf linearen, studioorientierten Klang. Gerade im Budget Bereich haben Modelle wie Quartett und Der Orchestra II ist ihr aktuelles Flaggschiff im reinen Balanced-Armature-Bereich und wurde mit dem Ziel entwickelt, Musik möglichst unverfälscht wiederzugeben.


Kiwi Ears Orchestra II

Zugegebenermaßen haben mich die IEM von Kiwi Ears schon immer mal angelacht. Der Quartett soll ja ein echter P/L-Kracher sein. Nun liegt mit dem Orchestra II ein Vertreter der zweiten Generation vor mir und ich bin höchst gespannt.

Beim Kiwi Ears Orchestra handelt es sich um einen Multi-BA IEM. Hier werkeln also ausschließlich Balanced-Armature Treiber. Der Orchestra II nutzt gleich 10 Stück davon pro Seite: Zwei für den Bass, vier für die Mitten und zwei für die Höhen. Viel Technik, die hier im Gehäuse platz finden muss. Dementsprechend voluminös ist das ergonomisch angeformte und klar-transparente Acrylgehäuse ausgeführt.

Die Abstimmung wurde laut Hersteller mit einem Fokus auf Neutralität und Natürlichkeit entwickelt – also keine „V-förmiger“ Spaßabstimmung, sondern ein eher monitorartiger Charakter mit tiefem Bass, klaren mitten und angenehmen Höhen. Die UVP beträgt 349USD, Preise in Euro variieren natürlich immer. Aktuell (Stand: 11/25) liegt er bei knapp über 300€.


Lieferumfang und Verpackung

Der Orchestra II kommt in einer kompakten Schachtel im Querformat, bedruckt in pastelligen Farben mit der obligatorischen Produktabbildung auf der Front. Außerdem dabei: Ein angenehm großes Case, ein modulares Kabel mit 3.5mm und 4.4mm Stecker, 4 Sätze Eartips in verschiedenen Größen und etwas Papierkram.

Der Lieferumfang im Detail:

  • Kiwi Ears Orchestra II
  • 4 Sätze Silikontips (je L/M/S)
  • Modulares Kabel
  • 3,5 mm Stecker
  • 4,4-mm-Stecker
  • Case mit Reissverschluss
  • Papierkram

Technische Daten

  • Driver: 10 Balanced Armature Drivers
    • 2 x Custom High-Frequency Balanced Armature Drivers
    • 2 x Custom Ultra-High-Frequency Balanced Armature Drivers
    • 4 x Custom Mid-Frequency Balanced Armature Drivers
    • 2 x Custom Transparent Low-Frequency Balanced Armature Drivers
    • 4 x Way Frequency Crossover with 3 Acoustic Channels
  • Frequency Response: 20Hz – 20kHz
  • Sensitivity: 109dB SPL/m
    Impedanz: 19Ω

Verarbeitung und Design

IEM
Das Design der Faceplate des Kiwi Orchestra ist für meinen Geschmack etwas zu „feminin“ von der Farbgebung. Das changierende Perlmutt-Inlay schimmert in pastell Rosa, Hellgrün und Hellblau. In der Kombination mit der mattsilbernen Einfassung ist mir das einfach zu weich, zu kontrastarm irgendwie – aber gut, das ist ja Geschmacksache.

Das transparente Gehäuse aus Acryl wiederum ist sehr cool und gibt einen klaren Blick auf die innenliegende Technik frei. So kann man alle Treiber und die Verkabelung genau in Augenschein nehmen.

Die Verarbeitung ist ohne Fehl und Tadel. Keine Lufteinschlüsse im Acryl und auch die Faceplate Ansicht ist sauber ausgeführt. An einer Stelle ragt sie aber etwas über das Gehäuse über und bietet eine leichte Kante. Das stört nicht beim Tragen – man fühlt es aber beim Einsetzen.

Kabel
Beim Kabel hat Kiwi Ears geklotzt: Ein dickes, 4-fach geflochtenes Kabel mit Wechselstecker liegt dem Lieferumfang bei. Die Haptik ist grandios, so ein Kabel wünscht man sich. Auch wenn mittlerweile viele Serienkabel von echt sehr guter Qualität sind, so sticht diese hier nochmals positiv aus der Masse heraus.

Das Wechselsteckersystem ist zwar ohne Arretierung, funktioniert aber sehr gut. Für solch ein Kabel gibt man gerne im Zubehörmarkt zusätzliches Geld aus – das ist beim Orchestra II nicht erforderlich.

Case
Das quaderförmige Case aus textiltexturiertem Kunststoff punktet mit einem erfrischenden Design und vor allem großzügigem Platzangebot. Vom Material her ist es nicht so edel wie Leder oder Kunstleder, dafür wirkt es modern und die Haptik ist angenehm. Innen gibt es ein großes Hauptfach und im Deckel ein kleines Netzfach.


Tragekomfort

Der Kiwi Ears Orchestra II wird als klassischer InEar-Monitor natürlich mit dem Kabel über dem Ohr getragen. Das sorgt für einen sicheren Sitz und entlastet die Steckverbindung gegen eventuelle Zugkräfte. Das recht große Gehäuse ist nicht anatomisch ausgeformt und besitzt auch keinen Concha-Flügel. Trotzdem sitzt der IEM in meinen Ohren mit den passenden Tips sehr angenehm ohne zu drücken.

Die mitgelieferten Tips stellen mich jedoch allesamt nicht zufrieden. Ich bekomme wie so oft keinen vernünftigen Seal und wenn, dann ist der Bass trotzdem irgendwie zu schwach, zu distanziert. Also nutze ich auch hier wieder meine aktuellen Tips der Wahl: Die Spinfit W1. Aber auch mit diesen muss ich fummeln, um den perfekten Seal zu erreichen. Das Gehäuse ist eigentlich nicht zu groß, ich glaube es kommt auf den exakten Winkel an. Also: Nicht zu schnell aufgeben. Wenn der Orchestra II zu dünn klingt – weiter mit den Tips experimentieren. Irgendwann rastet es ein und der Bass ist da.


Klangqualität

Gehört habe ich den Kiwi Ears Orchestra II hauptsächlich an meinen mobilen Geräten: Cayin N6III (Test), Sony WM-1Z und ifi Audio GOblu sowie den Cayin RU9. Stationär durfte er unter anderem am JDS Labs Element IV (Test) laufen.

Der Kiwi Ears Orchestra II ist ein neutraler IEM mit einer ausgeglichenen Tonalität. Der Fokus liegt ganz klar auf möglichst neutraler Referenzabstimmung. Aber das allein wird ihm aber keineswegs gerecht.

Er ist jedenfalls definitiv kein IEM, der in den ersten Sekunden beeindruckt, sondern eher einer, der sein Potential mit der Zeit entfaltet. Seine Stärke liegt dann ganz klar in der Natürlichkeit und Kohärenz der Treiberkombination. Alles wirkt ausgewogen, stimmig, kontrolliert.

Tonal ist er super ausgeglichen, vielleicht gaaaaanz leicht in die kühlere Richtung, aber mit klar definierten und vor allem auch druckvollen Bässen, klar strukturierten Mitten und angenehm durchhörbaren Höhen. Technisch ist er brilliant – Auflösung, Separation und Pace sind vorbildlich und werden der Erwartungshaltung an einen reinen Multi-BA IEM mit 10 Treibern absolut gerecht. Mehr noch: Im Tiefbass könnte man sogar meinen, daß ein dynamischer Treiber werkelt.

Bass

Der Bass ist präzise, trocken und erstaunlich tiefreichend für einen reinen BA-Treiber. Er kickt im Midbass mit viel Energie und ist ist kontrolliert. BA Treiber haben sich in den letzten Jahren verdammt weit entwickelt. Gerade Bassdrums klangen früher manchmal zu steril im Subbass für meinen Geschmack – das ist mit dem Orchestra II überhaupt nicht der Fall. Die Präzision ist echt klasse. Schneller Deathmetal mit Doublebass jenseits der 160bpm ist eine Herausforderung und der Orchestra II meistert das mit Bravour.

Mitten

Die Mitten klingen sehr natürlich und sind wie der Bassbereich nicht verfärbt. Ganz so, wie man das von einem neutralen IEM erwarten würde. Bei Rock und Metal klingen die Gitarrenriffs druckvoll, sauber strukturiert und transparent. Gesangsstimmen – männliche wie weibliche – klingen natürlich und detailliert. Der so wichtige Bereich der Mitten verbindet im Orchestra II gekonnt den Bassbereich mit den Höhen und schafft so einen sehr schlüssigen Zusammenhalt der Frequenzen.

Höhen

Die Höhen lösen sauber und klar auf, bleiben dabei aber gut duschhörbar ohne zu scharfe Ausreißer. Der Orchestra II ist aber definitiv leicht auf der helleren Seite der Macht, klingt dadurch recht leicht und luftig. Details setzen sich präzise im Mix durch, Becken und Hi-Hats klingen sauber und definiert, mit dem nötigen metallischem Zing – aber nie aggressiv.

Bühne

Die Bühne ist breit, aber nicht übertrieben. Der Raum wirkt immer natürlich, die Tiefenstaffelung ist gut vorhanden, Stimmen stehen perfekt positioniert im Geschehen, Instrumente ebenso. Hier gibt es keine übertriebenen Showeffekte, sondern eine absolut realistische, fokussierte Raumabbildung.

Separation & Auflösung

Transparenz ist das Motto – nicht nur beim Gehäuse. Die Instrumentenseparation ist exzellent – gerade bei komplexeren Arrangements und Produktionen mit vielen Spuren. Jedes Instrument bleibt klar nachvollziehbar, ohne dass die Gesamtkohärenz zerfällt. Das Zusammenspiel der 10 Treiber ist hervorragend und ansatzlos abgestimmt, nichts wirkt auseinandergerissen oder gestückelt.

Isolation

Die passive Isolation ist auf überragend gutem Niveau. Dank der dichten Acrylgehäuse und der guten Passform (mit den persönlich optimalen Tips) werden Außengeräusche effektiv reduziert. Für unterwegs oder laute Umgebungen also perfekt geeignet, auch ohne aktive Geräuschunterdrückung.


Fotos


Fazit

Mit dem Orchestra II ist Kiwi Ears ein echter Knaller gelungen!

Der Kiwi Ears Orchestra ist kein IEM, der aus dem Stand beeindruckt. Vielmehr entfaltet er sein ganzes Potential erst dann, wenn man sich auf ihn einlässt – was übrigens typisch ist für eher neutral abgestimmte IEM. Aber dann bietet er ein absolut beeindruckendes und m.W.n. bisher in diesem Preisbereich unerreichtes Klangerlebnis. Wer nach einem ausgeglichenen, aber dennoch musikalischen In-Ear sucht, der bekommt hier enorm viel Qualität fürs Geld.

Der Kiwi Ears Orchestra II klingt absolut überzeugend, angenehm unaufgeregt und erwachsen. Für Freunde ehrlicher Abstimmungen und reichhaltiger Details ist der Orchestra ein echter Geheimtipp – und vielleicht einer der besten reinen BA-IEMs unter 500€.

Kiwi Ears Orchestra II | Bewertung

9.6

Sound

9.5/10

Verarbeitung

9.5/10

Tragekomfort

9.5/10

Preis/Leistung

10.0/10

Pros

  • Neutraler, ausgeglichener Sound
  • Fantastische Bassqualität
  • Erstklassiges Kabel
  • Sehr gute Verarbeitung

Cons

  • Silikontips könnten besser sein
  • Optik (Geschmacksache, ich weiß...)